Öffentliche Schule stärken – sozialen Zusammenhalt fördern

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Brief an die Redaktion von Christa Brömmel, Gemeinderätin von déi gréng Stad (13.03.2020) zum Artikel "Multiplicity scolaire" im Lëtzebuerger Land (31.01.2020)

 

Die öffentliche Grundschule soll allen Kindern die gleichen Chancen auf ein soziales Vorankommen garantieren. Als Ecole de proximité fördert sie den sozialen Zusammenhalt im Stadtviertel, erspart Kindern unnötig lange Wege, lässt sie schneller zu autonomen Einwohner.innen ihres Viertels werden und hilft nicht zuletzt Eltern und Familien, Anschluss und Kontakt zu finden. Alle diese Aspekte sind insbesondere in der Stadt Luxemburg von großer Bedeutung angesichts der unterschiedlichen sozio-ökonomischen Situationen vieler Familien und dem hohen Anteil an ausländischen Mitbürger.innen. Städtische Schulpolitik muss demnach mehr sein als Neubau von Schulgebäuden.

Allerdings besuchen nicht einmal mehr 50% der in der Stadt Luxemburg lebenden Kinder eine öffentliche Grundschule. Es scheint, als überlassen die politisch Verantwortlichen der Stadt Luxemburg die öffentliche Schule ihrem « Schicksal » und somit privaten Schulanbietern sowie finanzkräftigen Eltern das Feld. Der folgende Beitrag ergänzt die von Bernard Thomas am 31.1.2020 gemachte Analyse aus der Perspektive von déi gréng.

 

Eltern besser informieren

Vielen Eltern, die nur auf begrenzte Zeit in Luxemburg leben, bleibt das öffentliche Schulsystem komplex und fremd. Neuzugezogene mit Kindern finden erst seit Kurzem mehrsprachige Informationen über das Schulsystem und die städtische Schulorganisation. Im Gegensatz zu den zahlreichen Privatschulen macht die Stadt Luxemburg nur bescheiden Werbung für ihre 19 Stadtteilschulen. Im « just arrived » z.B., einer Infobroschüre für alle Neubürger.innen, findet sich nur der Hinweis auf die Webseite der Stadt, während private Träger ausführlich und mit Bild ihre Schule und ihr Konzept präsentieren. Aber es würde auch nicht ausreichen die Broschüren zu überarbeiten und zu verteilen, denn Eltern haben viele Fragen, die sie im Gespräch mit den Verantwortlichen klären wollen. Deshalb sollten Eltern von Kleinkindern, die in Krippen oder von Tageseltern betreut werden, persönlich und frühzeitig über das Schulsystem informiert werden. Warum sie nicht persönlich ins Schulgebäude und Foyer scolaire ihres Stadtviertels einladen?

 

Schulbegleitende Angebote ausbauen

Soll die Mehrsprachigkeit der öffentlichen Schule ein Attraktivitätsfaktor sein, müssen möglichst alle Kinder die gleichen Chancen auf Erfolg mit diesem Ansatz haben. Das ist aber nur möglich, wenn schulinterne und schulbegleitende Angebote existieren, die Eltern bzw. ihre Kinder durch Hausaufgabenprojekte oder Lerngruppen individuell unterstützen. Das müsste dringend ausgebaut werden.

Den einzelnen Grundschulen werden vom Unterrichtsministerium zusätzliche Unterrichtsstunden zur Verfügung gestellt, deren Anzahl sich nach dem Sozialindex des jeweiligen Stadtviertels richtet. Je höher der Index, umso mehr Stunden und Lehrkräfte stehen einer Schule zur Verfügung und können ergo kleinere Klassen und Appui-Angebote eingerichtet werden. Der Index wird alle drei Jahre nach den sozio-ökonomischen Kriterien neu berechnet. Es wäre sinnvoll, zusätzlich auch die Schulleistungen, die in den Ergebnissen der « épreuves standardisées » im Cycle 4.2 abgebildet werden, für das Stundenkontingent zu berücksichtigen. Leistungsschwache Schulen sollten mehr Mittel in Form von Unterrichtszeit erhalten und dadurch für Eltern (und Lehrkräfte) attraktiver werden. Eine Analyse und gegebenenfalls die Reorganisation der Schulsektoren in der Stadt Luxemburg, z.B. durch Zusammenlegung einiger Schulen, könnte weitere Verbesserungen bei der Stundenzuteilung bringen. Natürlich bleibt auch die strikte Eindämmung des sogenannten Schultourismus ein Thema, damit Kinder in « ihre » Stadtteilschule gehen.

 

Lehrpersonal stärken

Die Attraktivität der öffentlichen Schule hängt des Weiteren von den Lehrkräften ab. Die städtische Permutationsregel fußt noch immer auf der Anzahl der Berufsjahre (ancienneté). Gerade die erfahrenen Lehrer.innen erhalten dadurch die Möglichkeit sich die „schwierigen Klassen“ vom Leib zu halten, die dann von jungen und unerfahreneren Kolleg.innen übernommen werden müssen. Sind diese mit schwierigen Klassen oder problematischen Umständen überfordert, wandern sie schließlich aus der Stadt ab – Personalfluktuation ist die Folge. Durch eine stärkere Förderung von klassenübergreifender Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften wäre diese Situation zu verbessern.

 

Öffentliche Schule in Stadtviertel einbetten

Die öffentliche Schule darf nicht getrennt gesehen werden von der außerschulischen Betreuung. Sowohl für den « Schultourismus » als auch für die Bevorzugung von privaten Schulen spielt es eine Rolle, welches Angebot an außerschulischer Betreuung den Eltern zur Verfügung steht. Stadtteilorientierung braucht als Voraussetzung ein ausreichend großes und qualitativ hochwertiges Angebot an Betreuungsstrukturen – von der Krippe, über das Foyer scolaire bis hin zum Jugendhaus, und darüber hinaus auch attraktive Freizeitangebote wie Sport und Musik. 

Déi gréng fordern, dass die beiden Instrumente PDS (Plan de développement scolaire) und PEP (Plan d‘encadrement périscolaire) eine größere Rolle spielen als bisher. Beide Pläne sind die Grundlage auf der durch konkrete, stadtteilbezogene Maßnahmen die konsequente Kooperation von Schule und Betreuungsstruktur gefördert und gefordert wird und so die Attraktivität der Schule im Stadtviertel sich erhöht. 

 

Potenzial einer echten Elternpartnerschaft

Projekte wie die Ganzdagsschoul oder Eis Schoul (staatlich aber prioritär für Kinder aus der Stadt Luxemburg) und die neue Waldspielschule zeigen beeindruckend, dass neue, vom Lehrpersonal initiierte Konzepte nicht nur Eltern überzeugen, sondern auch Lehrkräfte motivieren und Schulgemeinschaften stärken. 

Neben einer vorausschauenden Planung der notwendigen Infrastrukturen muss die Schulpolitik der Stadt Luxemburg deshalb viel kreativer und innovativer werden und sich auf neue pädagogische Konzepte sowie Elternbeteiligung konzentrieren.

 

Christa Brömmel
Gemeinderätin déi gréng in der Stadt Luxemburg
Mitglied der Schulkommission